Ich heiße Flicken und bin ein Baummarder. Warum Flicken? Schau genau hin, mein Pelz sieht aus, als hätte jemand braune und cremefarbene Flicken aufgenäht. Heute beginnt ein besonderer Tag. Der erste Frost hat meinen Wald in eine glitzernde Märchenwelt verwandelt, und die klare Luft kitzelt in meiner Nase. Oben in den hohen Buchen tanzen die letzten Blätter wie kleine, trotzig klammernde Fähnchen im Wind. Zwischen den dichten Kiefern- und Fichtennadeln, die den Boden wie ein weiches Bett auskleiden, riecht es würzig nach dem Harz der Bäume. Doch irgendwas ist anders – leise, aber eindringlich, ruft der Klang von Verantwortung nach mir. Dieser Ruf macht mir ein mulmiges Bauchgefühl, denn heute muss ich meinen eigenen Weg zu einer geheimen Futterstelle finden – ganz ohne Hilfe von Mama.
Die Morgensonne hat gerade angefangen, durch den Dunst über dem Waldboden zu blinzeln, als ich mich aufmache. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich nicht so selbstsicher wie sonst. Mein Ziel? Eine alte Buche, die wie eine uralte Königin im Herzen des Waldes thront. Unter ihren weit verzweigten Wurzeln hat mein Freund, der kleine Fuchs Fizz, eine Vorratskammer für den Winter eingerichtet. Er hat mir versprochen, dass ich ein paar Mäuse und vielleicht einen Fordertaler darin finden würde – gerade genug für einen kalten Wintertag wie diesen. Aber das bedeutet, ich muss den großen Greifvögeln entkommen, die sich oft auf den toten Ästen der hohen Kiefern niederlassen, und den stillen Schleichern wie dem Uhu, der mit seinen leuchtenden Augen alles im Blick hat.
Im Unterholz husche ich leise voran. Jeder Schritt bringt mich der alten Buche näher. Doch plötzlich raschelt die Laubdecke vor mir. Mein Herz schlägt schneller, während ich mich ducke und wenig später ein Eichhörnchen entdecke, das hektisch nach seiner eigenen Winterration gräbt. „Flicken, hast du dich verlaufen?“ fragt es zwinkernd. Ich versuche, nicht zu verlegen zu klingen. „Natürlich nicht! Ich bin auf einer Mission.“ Das Eichhörnchen legt den Kopf schief, als ob es zweifeln würde, zuckt dann aber nur die Schultern und rennt weiter. Manchmal wünsche ich mir seine Unbekümmertheit, doch tief in mir weiß ich, dass es genau um solche Herausforderungen geht, wenn man erwachsen wird.
Die Stunden schleichen dahin, während ich mich immer weiter ins Innere des Waldes vorwage. Plötzlich sehe ich sie – die alte Buche, deren Krone sich wie ein Schirm in Richtung des grauen Himmels ausbreitet. Mein Bauch macht einen Freudensprung, aber die Freude ist von kurzer Dauer. Ich höre ein tiefes Knurren hinter mir. Panik erfasst mich, als ich mich umdrehe und dem Luchs in die glühenden Augen blicke. Meine ersten Instinkte wollen mich starr wie eine Statue machen, aber ich erinnere mich an einen Trick, den Mama mir beigebracht hat. Ich schnappe nach einem Stück Rinde und zerre es los – laut genug, um ihn kurz zu überraschen. Dann schieße ich pfeilschnell den Stamm der Buche hinauf, höre sein enttäuschtes Knurren, als ich mich in Sicherheit bringe.
Oben in der Krone der Buche lehne ich mich an den rauen Stamm und atme tief durch. Meine Beine zittern, aber ich spüre auch etwas anderes: Stolz. Ich habe es geschafft, ganz allein. Die kleine Mulde zwischen den großen Wurzeln der Buche enthält genau, was Fizz versprochen hat – ich finde die Mäuse, und der leckere Duft macht meine Sorgen vergessen. Während ich meine Beute in die Pfoten nehme, weiß ich, dass ich heute einen wichtigen Schritt gemacht habe. Verantwortung bedeutet nicht nur Last, sondern auch Stolz, Freiheit und Stärke. Mit vollem Magen kuschle ich mich ins Laub, beobachte die ersten Sterne und merke, der Wald ist mein Zuhause. Und ich bin bereit, jeden Winkel davon zu erkunden – in meiner Zeit.
| Name: | Baummarder |
| Wissenschaftlicher Name: | Martes martes |
| Gewicht: | ca. 0,8-1,8 kg |
| Maße: | ca. 45-58 cm, Schwanzlänge ca. 16-28 cm |
| Lebensalter: | ca. 10-15 Jahre |
| Lebensraum: | Wälder, insbesondere Misch- und Nadelwälder |
| Geschwindigkeit: | ca. 30 km/h |
Der Baummarder, auch als Edelmarder bekannt, gehört zur Familie der Marder (Mustelidae) und ist in Europa und Teilen Asiens verbreitet. Er ist ein geschickter Kletterer und lebt hauptsächlich in Wäldern, wo er sowohl in Bäumen als auch am Boden nach Nahrung sucht. Der Baummarder hat einen schlanken Körper, einen langen buschigen Schwanz und ein dichtes, glänzendes Fell, das in der Regel dunkelbraun bis schwarz ist.
Baummarder sind Allesfresser und ihre Ernährung variiert je nach Jahreszeit. Sie fressen kleine Säugetiere, Vögel, Insekten, Früchte und Beeren. Ihre Fähigkeit, sowohl am Boden als auch in den Bäumen zu jagen, macht sie zu vielseitigen und erfolgreichen Raubtieren. Baummarder sind bekannt für ihre Geschicklichkeit und Schnelligkeit, die ihnen helfen, Beute zu fangen und Raubtieren zu entkommen.
Der Baummarder baut seine Nester, auch als Kobel bezeichnet, in hohlen Bäumen oder verlassenen Vogelnestern. Diese Nester bieten Schutz und einen sicheren Platz zur Aufzucht der Jungen. Baummarder sind Einzelgänger und sehr territorial. Sie markieren ihr Revier mit Duftdrüsen, um andere Marder fernzuhalten. Trotz ihrer scheuen Natur spielen Baummarder eine wichtige Rolle im Ökosystem, indem sie zur Kontrolle der Populationen kleiner Säugetiere und Insekten beitragen und zur Verbreitung von Samen durch ihre Ernährung beitragen.